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In den letzten Jahren gab es – zumindest beim Blick auf die Veränderung der realen Wirtschaftsleistung – einen ökonomischen Gleichlauf von West- und Ostdeutschland. Im Zeitraum 2012 bis 2015 legte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in beiden Regionen mit jahresdurchschnittlich rund 1 Prozent gleichermaßen (schwach) zu. Eine nahezu identische Gangart war auch in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 zu beobachten. Da Berlin seit 2015 überdurchschnittlich expandierte, fiel das ostdeutsche Wachstum – einschließlich Berlin – zuletzt geringfügig höher aus als im Westen.

Diese gleichmäßige Schlagzahl in West- und Ostdeutschland dürfte auch im kommenden Jahr zu beobachten sein. Das jedenfalls signalisiert die aktuelle Herbstumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Von Anfang Oktober bis Anfang November 2016 nahmen 572 Unternehmen im Osten und 2.309 Firmen im Westen daran teil. Der Wahlausgang in den USA konnte sich allerdings in den Umfrageergebnissen nicht niederschlagen.

Wenige Differenzen bei den Produktionserwartungen

In gesamtdeutscher Perspektive haben sich die Produktionserwartungen seit dem Frühjahr 2016 leicht verbessert. Dies überrascht zunächst angesichts der offensichtlich ansteigenden ökonomischen und geopolitischen Unsicherheiten im Jahr 2016 (IW-Forschungsgruppe Konjunktur, 2016). Der Saldo aus positiven und negativen Produktionserwartungen hat sich dabei ausschließlich in Ostdeutschland erhöht. Er stieg seit dem Frühjahr von 16 auf 22 Prozentpunkte an. In Westdeutschland sind dagegen die aktuellen Erwartungen für 2017 nicht nennenswert besser als die Erwartungen für 2016 gemäß der Frühjahrsumfrage.

In beiden Großregionen gehen 38 oder 39 Prozent der befragten Unternehmen von einer höheren Produktion im kommenden Jahr aus. Während in Westdeutschland 12 Prozent einen Rückgang erwarten, sind dies im Osten 16 Prozent. Dies spricht zunächst für eine leicht höhere Schlagzahl im Westen. Mit Blick auf die bisherigen Umfragen zeigt sich jedoch, dass das Erwartungsbild in Ostdeutschland generell zurückhaltender ausfällt als im Westen. Das gilt auch für die vergangenen Jahre, als beide Wirtschaftsräume ein gleich hohes Wachstum aufwiesen.

Mit Blick auf die Branchen zeigen die west- und ostdeutsche Dienstleistungswirtschaft ein weitgehend ähnliches Erwartungsmuster: Im Osten ist der Anteil der optimistischen Betriebe mit 39 Prozent sogar höher als im Westen mit 37 Prozent. Dagegen erwarten im Westen nur 12 Prozent der Servicefirmen einen Rückgang, im Osten sind es 17 Prozent. Ähnlich nahe beieinander sind auch die Industrieperspektiven: 43 Prozent der Industriefirmen im Westen gehen 2017 von einer höheren Produktion aus. Der ostdeutsche Anteil liegt bei 40 Prozent. Dagegen rechnen 12 Prozent der Betriebe im Westen und 13 Prozent im Osten mit einer niedrigeren Produktion im kommenden Jahr. Ein deutlich davon abweichendes Erwartungsbild haben die Baufirmen. In Westdeutschland gehen 29 Prozent von einem Plus und nur 7 Prozent von einem Minus aus. Dieser Befund deckt sich auch mit der faktisch guten Bausituation in Westdeutschland. Dagegen rechnen in Ostdeutschland 25 Prozent eine höhere Produktion im kommenden Jahr, jedoch 18 Prozent gehen von einem Rückgang aus. Diese vergleichsweise zurückhaltenden Perspektiven der ostdeutschen Bauwirtschaft zeigen sich auch in der bisherigen tatsächlichen Entwicklung.

Ostdeutsche Exporterwartungen bleiben zurück

Die Exportperspektiven der ostdeutschen Unternehmen fallen nicht nur für das kommende Jahr merklich schlechter aus als die der westdeutschen Firmen. Seit mittlerweile zwei Jahren halten sich auf Basis der IW-Konjunkturerwartungen die positiven und negativen Meldungen zu den Ausfuhrerwartungen im Osten mehr oder weniger die Waage. Im Herbst 2016 gehen nur 14 Prozent der ostdeutschen Betriebe von höheren Exporten im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr aus. Der Anteil der Unternehmen, die sinkende Ausfuhren vorhersehen, liegt bei 12 Prozent. Entsprechend sehen knapp drei Viertel keine Veränderung beim Exportgeschäft. Im Westen ist der Anteil der pessimistisch gestimmten Betriebe zwar auch bei 12 Prozent. Allerdings beläuft sich der Anteil der Exportoptimisten auf 27 Prozent. Demnach fällt der Saldo aus positiven und negativen Erwartungen mit 15 Prozentpunkten erheblich höher aus als in Ostdeutschland (knapp 2 Prozentpunkte). Im Zeitvergleich mit den vorhergehenden Umfragen zeigt sich aber keine Verbesserung. Vielmehr steht dieser westdeutsche Positivsaldo weit im Schatten früherer Aufschwungs- und Erholungsphasen.

Diese insgesamt moderaten Exportperspektiven verwundern nicht angesichts der hohen globalen Unsicherheiten. Das Zurückbleiben der ostdeutschen Erwartungen erklärt sich aus der stärkeren Beeinträchtigung der ostdeutschen Wirtschaft infolge des eingeschränkten Handels mit Russland und der insgesamt schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung in den mittel- und osteuropäischen Ländern.

Investoren im Osten mit noch weniger Zuversicht als im Westen

Die Investitionspläne der ostdeutschen Firmen bleiben ebenfalls hinter jenen der westdeutschen Firmen zurück. Für das Jahr 2017 erwarten 25 Prozent der Betriebe im Osten, aber 35 Prozent im Westen höhere Investitionen als im Vorjahr. Der Anteil der Betriebe, die mit geringeren Investitionen planen, unterscheidet sich dagegen nicht nennenswert zwischen West (16 Prozent) und Ost (18 Prozent). Auch im Zeitverlauf gibt es keine Divergenz zwischen den beiden Wirtschaftsräumen. Die Investitionspläne haben sich im Vergleich mit der Umfrage vom Frühjahr 2016 nicht verändert – und sie stehen weit im Schatten einer normalen Investitionstätigkeit.

Das von hoher Ungewissheit geprägte globale Umfeld und die daraus abgeleiteten moderaten Handelsperspektiven der deutschen Unternehmen halten die ohnehin moderaten Investitionen hierzulande weiter zurück. Die auch auf Basis der IW-Konjunkturumfrage abgeleitete schwache Investitionsdynamik ist Ausdruck dessen, dass die Unternehmen im gegenwärtigen globalen Umfeld offensichtlich nur das Nötigste investieren. Das gilt trotz der weiterhin sehr günstigen Finanzierungskonditionen, der guten Kapazitätsauslastung und der technologischen Herausforderungen infolge der Digitalisierung.

Beschäftigungsplus in Ost und West

Die moderaten Produktionsperspektiven der Firmen in West und Ost gehen mit ebenfalls moderaten, aber zuversichtlichen Beschäftigungsplänen einher. Dies ist insgesamt schon seit Jahren auch ein bislang nicht erklärter Zustand: Trotz des schwachen Wachstums entstehen viele neue Arbeitsplätze – in West- und in Ostdeutschland! Das damit verbundene Produktivitätsrätsel wird auch das kommende Jahr prägen. Auf Basis der IW-Konjunkturumfrage dominieren auch 2017 in beiden Wirtschaftsräumen die optimistisch gestimmten Unternehmen deutlich: In Westdeutschland beabsichtigen 29 Prozent der Betriebe, mehr Personal einzustellen. In Ostdeutschland sind es 26 Prozent. Dagegen werden voraussichtlich 13 Prozent im Westen und 16 Prozent im Osten die Anzahl der Mitarbeiter verringern. Die mit Abstand stärksten Beschäftigungsimpulse kommen jeweils aus dem Dienstleistungssektor. Die Industriebetriebe haben ebenso einen positiven Beschäftigungssaldo. Während im Westen auch das Baugewerbe einen hohen Personalbedarf artikuliert, planen die ostdeutschen Baufirmen per saldo jedoch einen Personalabbau.

Fazit: Die IW-Konjunkturumfrage signalisiert für das Jahr 2017 insgesamt ein schwaches Wachstum in Deutschland (IW-Forschungsgruppe Konjunktur, 2016). Die Produktionsperspektiven für West- und Ostdeutschland unterscheiden sich dabei kaum. Damit stockt zwar einerseits der Aufholprozess zwischen Ost und West. Andererseits fällt Ostdeutschland wirtschaftlich nicht zurück, sondern die Unternehmen halten mit jenen im Westen Schritt.

IW-Kurzbericht

Michael Grömling: IW-Konjunkturumfrage Herbst 2016 – Ostdeutschland hält mit dem Westen mit

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