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Eine statistische und ökonomische Herausforderung stellt jedoch die Bereitstellung von Gütern durch Konsumenten für Konsumenten dar. Foto: iStock/shapecharge

Mehr und mehr prägt die Digitalisierung die Gesellschaft und die Wirtschaft. Dabei wandeln sich die Produktions- und Geschäftsmöglichkeiten gewaltig. Dies wird auch das Konsumverhalten und die Arbeitsweise der privaten Haushalte stark verändern. Wie können die Wirtschaftsstatistiken den digitalen Wandel und die damit einhergehenden Produktions-, Konsum- und Wohlstandseffekte abbilden?

Die statistische Herausforderung durch neue Güter ist nicht neu. Deren Produktion sowie der Strukturwandel werden oftmals über einen längeren Übergangszeitraum mit den herkömmlichen statistischen Erhebungsformen nicht oder nur eingeschränkt erfasst. Während die Nutzung völlig neuer Güter oft nur unzureichend - im Extrem überhaupt nicht - in den Produktionsstatistiken erscheint, schlägt sich dort aber der Produktionsrückgang der früher etablierten Güter vollständig negativ nieder. Begreift man diesen ökonomischen Wandel als eine "schöpferische Zerstörung", dann wird statistisch nur die Zerstörung, nicht aber das Schöpferische sichtbar.

Das gilt aber nicht unisono: Bei den Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen dürfte generell eine statistische Messung möglich und somit eine Untererfassung so auch der digitalen Leistungen vermeidbar sein. Für diese gibt es Preise und Umsätze. Sie können in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) als Wertschöpfung und Vorleistung ausgewiesen werden. Das gilt auch für den Austausch zwischen Unternehmen und privaten Haushalten. Hier wird ein herkömmliches Gut (zum Beispiel eine gedruckte Zeitung) durch ein neues Gut (etwa kostenpflichtige oder werbefinanzierte Online-Angebote) substituiert. Beide Leistungen werden zu Marktpreisen bewertet und können statistisch als Wertschöpfung und als Konsum erfasst werden.

Eine statistische und ökonomische Herausforderung stellt jedoch die Bereitstellung von Gütern durch Konsumenten für Konsumenten dar. Werden infolge der digitalen Revolution in relevantem Ausmaß Marktleistungen (zwischen Unternehmen und Konsumenten) durch Haushaltproduktion ersetzt, dann erfolgt - überspitzt formuliert - ein Abgleiten von gesamtwirtschaftlichen Leistungen in eine Subsistenz- oder Schattenwirtschaft. Beispiele dafür sind die kostenlose Nutzung von privat erstellten digitalen Dienstleistungen im Internet (Musik, Spiele, Lexika, Beratungsdienste) oder private Leistungen, die über das Internet organisiert werden. In einer "Sharing Economy" können auf Basis der neuen Kommunikationstechnologien private Konsumenten erheblich einfacher Gebrauchsgüter - wie Autos - gemeinsam nutzen. Für diese Leistungen, die zweifellos für alle Beteiligten eine Wohlfahrtssteigerung bedeuten, werden marktmäßige Beschäftigung, Einkommen, Wertschöpfung und Konsum nicht ausgewiesen. Möglicherweise werden dazu in Zukunft (private) digitale Zahlungs- oder Verrechnungsmittel eingesetzt, um die privaten Tauschleistungen jenseits der etablierten monetären Sphäre zu vollziehen.

Mit der herkömmlichen Messung in der VGR werden zwar beispielsweise der Kauf von Smartphones oder die Nutzungsgebühren für das Internet erfasst. Auch die Werbeeinnahmen von Internetplattformen können verbucht werden. Die tatsächlich genutzten, meist kostenlosen Dienste erscheinen jedoch kaum, meistens überhaupt nicht im gemessenen Konsum sowie entsprechend auf der Entstehungs- und Einkommensseite. Dagegen zeigt sich übergangsweise vor allem der Rückgang der vormaligen Leistungen. Der Wohlstand steigt, aber das statistisch ermittelte BIP sinkt.

Über welche Größenordnungen reden wir überhaupt? Bislang kann über die Potentiale dieser privaten Dimension der Digitalökonomie nur spekuliert werden. So wird zum Beispiel auf Basis von Internetnutzungszeiten und Stundenlöhnen ein Digitalkonsum geschätzt. Frühere Schätzungen liegen bei gut 1 Prozent des BIP. Das entspricht hierzulande gut 30 Milliarden Euro. Dies ist allenfalls eine grobe und vergangenheitsgerichtete Orientierung. Sollen private Dienstleistungen, die infolge der Digitalisierung möglicherweise zukünftig stark expandieren, prinzipiell in die Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung der VGR aufgenommen werden? Diese digitalen Leistungen erhöhen zweifellos das Leistungsniveau und die Wohlfahrt eines Landes. Ist dies in der VGR nicht oder kaum sichtbar, werden Niveau, Struktur und Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Leistungen nicht mehr adäquat gemessen. Es droht statistischer Realitätsverlust.

Doch mehrere Argumente sprechen auch gegen eine Ausweitung der Leistungsgrenze im Kernbereich der VGR: Erstens: das Zurückdrängen von Marktfakten. Für die privaten digitalen Leistungen gibt es bislang nur vage Modellrechnungen. Bei ihrer Integration in die VGR würde deren Schätzgehalt gegenüber den tatsächlichen Marktbeobachtungen weiter steigen. Es besteht dann die Gefahr, dass die VGR besonders für Konjunkturanalysen an Aussagekraft verliert. Zweitens: artifizielle Einkommen. Jeder möglicherweise gut begründbare Eingriff in eine Teilrechnung erfordert entsprechende Anpassungen in den anderen Teilrechnungen der VGR. Mit einem zusätzlichen digitalen Konsum müssen auch entsprechende VGR-Einkommen entstehen. Diese sind möglicherweise in der Realität nicht leicht oder überhaupt nicht mehr zu interpretieren. Das gesamtwirtschaftliche Einkommen gemäß VGR hat dann mit dem eigentlichen Volkseinkommen immer weniger zu tun.

Auch das wäre ein Realitätsverlust. Nur faktisch entstandene Einkommen sind für viele wirtschaftspolitische Fragestellungen - zum Beispiel Besteuerung oder Schuldentragfähigkeit - relevant. Das Gleiche gilt für das Abstecken von makroökonomischen Verteilungsspielräumen. Letztlich stehen nur die Produktion und die Einkommen, die am Markt realisiert werden, zur Disposition.

Um die mit den neuen Gütern verbundenen Wohlstandseffekte zu berücksichtigen, bietet sich eine gesonderte Analyse in einem sogenannten Haushaltssatellitensystem an. Mit diesem würde dann die im Nichtmarktbereich entstehende Produktion geschätzt. Die erforderlichen Zeitbudgeterhebungen erfolgen allerdings nur alle 10 Jahre. Aus der Kombination beider Betrachtungsweisen - BIP und Haushaltproduktion - kann differenziert die gesamte Wohlstandsposition umfassender gesehen werden.

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